Europa plant Mega-Strombrücke: Zwei Tiefseekabel verbinden Spanien mit Italien

Europa plant Mega-Strombrücke: Zwei Tiefseekabel verbinden Spanien mit Italien

Unter der Wasseroberfläche des Mittelmeers könnte in den kommenden Jahren eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte für den europäischen Strommarkt entstehen. Zwei gigantische Hochspannungs-Gleichstromkabel sollen Spanien direkt mit dem industriestarken Norden Italiens verbinden – und damit nicht nur ein Energieproblem der Iberischen Halbinsel lösen, sondern den Stromfluss in ganz Europa neu ordnen.

Warum Spanien trotz Ökostrom-Boom wie eine Energie-Insel wirkt

Spanien baut seit Jahren Windparks und Solarfelder in Rekordtempo. An sonnigen oder windreichen Tagen produziert das Land mehr erneuerbare Energie, als es selbst verbrauchen kann. Das klingt nach einem Vorzeigemodell für die Energiewende, sorgt in der Praxis aber für ein handfestes Dilemma.

Wenn zu viel Strom im Netz ist und er nicht exportiert werden kann, stürzen die Großhandelspreise zeitweise ins Negative – Produzenten zahlen dann quasi dafür, dass jemand ihren Strom abnimmt.

Der Grund: Die heutigen Leitungen über die Pyrenäen in Richtung Frankreich sind schwach ausgebaut. Rund 3.000 Megawatt Verbindungskapazität klingen viel, reichen aber weder für die Überschüsse in Spanien noch für den wachsenden Bedarf der Nachbarn. Technisch und politisch gilt Spanien deshalb oft als „Energie-Insel“ am Rand des Kontinents.

Genau hier setzen die beiden neuen Unterseekabel an. Sie sollen das Stromnetz der Iberischen Halbinsel direkter mit dem Kern Europas verknüpfen – und einen Teil der überschüssigen Sonnen- und Windenergie dorthin leiten, wo große Industriezentren sie dringend brauchen.

Die neuen Stromautobahnen im Mittelmeer: Apollo Link und Iberia Link

Im europäischen Zehnjahresplan für Stromnetze (TYNDP 2026) tauchen jetzt zwei Projekte auf, die das ändern könnten. Ihre Namen: Apollo Link und Iberia Link. Beide sind als Hochspannungs-Gleichstromverbindungen (HVDC) geplant – eine Technik, die bei sehr langen Distanzen deutlich geringere Leitungsverluste verursacht als herkömmliche Wechselstromleitungen.

Apollo Link: Power für Millionen Haushalte

Der Apollo Link gilt als das ambitioniertere Vorhaben. Das Projekt soll eine Übertragungskapazität von rund 2 Gigawatt erhalten. Zum Vergleich: Diese Leistung reicht grob geschätzt, um mehrere Millionen Haushalte mit Strom zu versorgen, je nach Verbrauchsprofil.

  • geplante Inbetriebnahme: etwa 2032
  • Übertragungstechnologie: bipolare HVDC-Leitung mit 525 Kilovolt
  • Ziel: Direktbrücke zwischen Spanien und dem industriellen Norden Italiens

Die gewählte Spannung von 525 Kilovolt gilt aktuell als High-End-Standard bei Seekabeln. Sie ermöglicht den Transport großer Energiemengen über Hunderte von Kilometern, ohne dass unterwegs allzu viel als Wärme verloren geht. Für Spanien heißt das: Ein Teil der grün produzierten Kilowattstunden gelangt endlich sinnvoll in andere Länder.

Iberia Link: Rekordkabel über mehr als 1.000 Kilometer

Der zweite geplante Strang, der Iberia Link, setzt ein anderes Ausrufezeichen: die Länge. Mit rund 1.034 Kilometern wäre er einer der längsten Unterseekabel der Welt. Die Übertragungskapazität fällt mit rund 1,2 Gigawatt geringer aus als beim Apollo Link, bleibt aber enorm relevant.

Technisch verlangt eine solche Distanz unter Wasser präzise Planung. Der Meeresboden steigt an, fällt ab, verläuft felsig oder sandig. All das beeinflusst Trassenführung, Verlegung und Wartung. Scheitert die Planung an geologischen Risiken oder Umweltschutzauflagen, können Projekte stark verzögert werden – ein Punkt, der in der Branche für gesunde Skepsis sorgt.

Was Europa davon hat: weniger Preissprünge, mehr Sicherheit

Die beiden Tiefseekabel sollen nicht nur Spanien entlasten, sondern das gesamte Stromsystem in Europa stabiler machen. Denn Energiewende bedeutet längst nicht mehr nur: sauberen Strom erzeugen. Sie verlangt, ihn zu den Orten zu bringen, an denen Fabriken, Rechenzentren und Haushalte ihn wirklich nutzen.

Je besser die Netze zwischen den Ländern verbunden sind, desto einfacher lassen sich Preisschocks abfedern und Engpässe vermeiden.

Im Alltag könnte sich das so auswirken:

  • Bei Flaute in Mitteleuropa kann überschüssiger Solarstrom aus Spanien einspringen.
  • Fällt in Südeuropa eine große Erzeugungsanlage aus, können andere Regionen Lücken schließen.
  • Marktpreise nähern sich an, extreme Ausschläge nach oben oder unten werden seltener.

Für Verbraucher in Italien, Spanien und indirekt auch in Deutschland besteht die Chance auf stabilere und tendenziell niedrigere Strompreise. Denn je mehr günstiger Ökostrom über Grenzen hinweg fließt, desto schwerer haben es teure fossile Kraftwerke am Markt.

Der lange Weg von der Vision zur Genehmigung

So spektakulär die Pläne klingen: Auf dem Papier bleiben sie vorerst genau das – Pläne. Die Aufnahme in den TYNDP ist nur der erste Schritt. Projekte in dieser Liste können später den Status „Projekt von gemeinsamem Interesse“ (PCI) erhalten. Erst dann fließen EU-Fördermittel und beschleunigte Genehmigungsverfahren werden möglich.

Aktuell gelten Apollo Link und Iberia Link im europäischen Planungsnetzwerk ENTSO-E noch als „in Prüfung“. Das bedeutet:

  • Kosten-Nutzen-Analysen laufen noch.
  • Regulatorische Genehmigungen liegen nicht vor.
  • Es gibt weder endgültig festgelegte Trassen noch gesicherte Betreiberkonsortien.

Frühere Projekte ähnlicher Art sind bereits an politischen Widerständen, Streit um Umweltauflagen oder fehlender Finanzierung gescheitert. Die jetzigen Vorhaben könnten denselben Hürden begegnen. Selbst im Erfolgsfall wäre ihr Beitrag begrenzt: Zusammen bringen beide Leitungen rund 3,2 Gigawatt Interkonnektionskapazität. Studien gehen aber davon aus, dass zwischen 10 und 15 Gigawatt nötig wären, um Spaniens Stromsystem vollständig in den europäischen Markt einzubetten.

Was hinter Begriffen wie HVDC und Interkonnektor steckt

Wer nicht täglich mit Netztechnik zu tun hat, stolpert schnell über Abkürzungen. Zwei davon sind für diese Projekte zentral: HVDC und Interkonnektor.

HVDC – warum Gleichstrom unter Wasser im Vorteil ist

HVDC steht für Hochspannungs-Gleichstromübertragung. Anders als bei den üblichen Wechselstromleitungen im Inland fließt hier ein konstanter Strom in eine Richtung. Gerade bei langen Kabeln unter Wasser bringt das mehrere Pluspunkte:

  • geringere Übertragungsverluste pro Kilometer
  • stabilere Regelbarkeit des Stromflusses
  • keine klassischen Synchronisationsprobleme zwischen unterschiedlichen Netzen

Am Anfang und am Ende der Leitung stehen Konverterstationen, die Strom von Wechsel- auf Gleichstrom und wieder zurückwandeln. Diese Anlagen sind teuer, machen die Gesamtstrecke aber effizienter, je länger sie ist.

Interkonnektoren – die Nervenbahnen des europäischen Strommarkts

Ein Interkonnektor ist im Grunde nichts anderes als eine Grenzleitung zwischen den Netzen zweier Länder. Ohne solche Leitungen wäre jedes Land auf seine eigene Erzeugung angewiesen, Schwankungen ließen sich kaum ausgleichen.

Aspekt Bedeutung eines Interkonnektors
Versorgungssicherheit Länder können sich gegenseitig in Krisen unterstützen.
Preisbildung Strom fließt dorthin, wo er besser bezahlt wird, Preise gleichen sich an.
Integration erneuerbarer Energien Überschüsse aus Wind und Sonne finden neue Abnehmer.

Risiken, Streitpunkte und was das für Deutschland bedeutet

So attraktiv das Projekt wirkt, es birgt einige Risiken. Tiefseeleitungen dieser Größe kosten Milliarden. Steigen die Baupreise oder Verzögerungen, können sich Wirtschaftlichkeitsrechnungen schnell drehen. Hinzu kommen mögliche Konflikte mit Umweltverbänden, etwa beim Schutz von Meeresökosystemen oder Fischereiinteressen.

Politisch könnte auch die Frage heikel werden, wer letztlich zahlt. Netzbetreiber, Staaten, EU-Fonds, Industrie – alle haben ein Interesse, aber nicht alle im selben Umfang. Solche Debatten können Zeit kosten, die Europa im Zuge der Energiewende eigentlich nicht hat.

Für Deutschland sind Apollo Link und Iberia Link indirekt dennoch spannend. Sie stärken das europäische Netz insgesamt. Wenn südeuropäische Länder mehr sauberen Strom untereinander austauschen, sinkt der Bedarf an fossilen Reservekapazitäten, von denen bislang auch der Norden abhängt. Mit stärker vernetzten Netzen steigt zudem die Chance, dass günstiger Ökostrom aus dem Süden über Umwege auch in den deutschsprachigen Raum gelangt.

Am Ende bleibt die Kernfrage: Gelingt es Europa, solche grenzüberschreitenden „Stromautobahnen“ rechtzeitig zu bauen, oder bleibt die Energiewende ein Flickenteppich nationaler Insellösungen? Die beiden geplanten Tiefseekabel zwischen Spanien und Italien sind ein großer Testlauf – technisch, finanziell und politisch.

Moritz Bauer

Geschrieben von Chefredakteur

Moritz Bauer

Moritz schreibt seit 2018 für Evergreen DE über Lebensstil, Gesundheit und Verbraucher. Datengetriebener Ansatz mit zugänglichem Stil.

Alle Artikel lesen →