Olivenöl-Hype im Faktencheck: wie gesund ist es wirklich?

Olivenöl-Hype im Faktencheck: wie gesund ist es wirklich?

Viele greifen ganz selbstverständlich zur grünen Flasche, wenn es ums Braten, Salatdressing oder das schnelle Brot-Tunken geht. Olivenöl gilt als Herzstück der mediterranen Küche und als Inbegriff eines „gesunden Fetts“. Neue große Studien liefern beeindruckende Zahlen – aber auch ein paar Einschränkungen, die man kennen sollte.

Warum Olivenöl als „gesundes Fett“ gilt

Olivenöl gehört zu den pflanzlichen Fetten mit einem besonders hohen Anteil an einfach ungesättigten Fettsäuren, vor allem Ölsäure (Omega 9). Dazu kommen reichlich Polyphenole – sekundäre Pflanzenstoffe mit antioxidativer Wirkung.

Olivenöl liefert gesunde Fettsäuren und Antioxidantien, die Herz, Gefäße und Gehirn langfristig schützen können.

Antioxidantien wie Polyphenole fangen aggressive Sauerstoffmoleküle ab, die Zellen schädigen und Entzündungen fördern können. Genau hier setzen viele der beobachteten Vorteile an:

  • Unterstützung eines günstigen Cholesterinprofils (mehr HDL, weniger LDL-Oxidation)
  • Schutz der Gefäßwände vor mikroskopischen Entzündungen
  • leichter blutdrucksenkender Effekt
  • mögliche Abschwächung chronischer Entzündungsprozesse im Körper

Herzmediziner ordnen Olivenöl daher seit Jahren in die Kategorie „günstige Fette“ ein – immer im Vergleich zu gehärteten Fetten oder großen Mengen tierischer Fette.

Große Studien: was Olivenöl fürs Herz leisten kann

Spannend wird es, wenn man auf Langzeitdaten blickt. In Spanien lief eine große Beobachtungsstudie mit über 40.000 Teilnehmenden über rund zehn Jahre. Wer Olivenöl als wichtigste Fettquelle nutzte, hatte eine deutlich geringere Gesamtsterblichkeit – in dieser Auswertung rund ein Viertel niedriger im Vergleich zu Personen, die andere Fette bevorzugten.

Weitere Untersuchungen legen nahe, dass ein höherer Olivenölkonsum mit weniger Todesfällen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einem geringeren Schlaganfallrisiko einhergeht. Die Mengen sind dabei erstaunlich alltagstauglich: Schon wenige Esslöffel pro Tag reichen in den Auswertungen, um messbare Vorteile zu zeigen.

Bereits einige Esslöffel Olivenöl täglich können in Studien mit einem geringeren Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall einhergehen.

Wichtig: Das sind Beobachtungsdaten. Sie zeigen Zusammenhänge, belegen aber keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Kette. Menschen, die viel Olivenöl verwenden, ernähren sich oft insgesamt mediterraner, essen mehr Gemüse und Fisch, rauchen seltener, bewegen sich mehr. All das wirkt ebenfalls.

Schützt Olivenöl auch das Gehirn?

Spannend sind neue Analysen aus den USA: Forschende werteten Gesundheitsdaten von über 90.000 Erwachsenen über knapp drei Jahrzehnte aus. Wer mindestens rund einen halben Esslöffel Olivenöl pro Tag zu sich nahm, hatte ein deutlich geringeres Risiko, an einer Demenz zu sterben.

In Zahlen ausgedrückt: In dieser Gruppe lag das Demenz-bedingte Sterberisiko etwa 28 Prozent niedriger als bei Personen, die nie oder nur sehr selten Olivenöl verwendeten. Parallel gibt es Hinweise, dass Menschen mit olivenölreicher Ernährung seltener einen starken kognitiven Abbau erleben.

Ernährungsmediziner führen das auf mehrere Effekte zurück:

  • die Antioxidantien können Nervenzellen vor Schäden schützen
  • eine bessere Gefäßgesundheit verbessert die Durchblutung des Gehirns
  • Entzündungsprozesse im Gehirn scheinen etwas gedämpft zu werden

Auch beim Zuckerstoffwechsel gibt es positive Signale. Beobachtungsstudien sprechen dafür, dass Olivenöl den Blutzuckeranstieg nach Mahlzeiten abmildern und so langfristig das Risiko für Typ-2-Diabetes senken könnte – vor allem im Rahmen einer insgesamt ausgewogenen Kost.

Die Schattenseite: Olivenöl ist kein Alleskönner

Trotz all der Pluspunkte hat Olivenöl auch Lücken. Es enthält nur sehr wenig essenzielle Fettsäuren, also Fette, die der Körper nicht selbst herstellen kann und unbedingt über die Nahrung braucht. Das betrifft vor allem Omega-3-Fettsäuren, aber auch bestimmte Omega-6-Fettsäuren.

Wer ausschließlich Olivenöl nutzt, riskiert einen Mangel an wichtigen Omega-3-Fettsäuren – Vielfalt im Ölsortiment macht die Ernährung runder.

Genau deshalb raten Ernährungsfachleute dazu, verschiedene Öle zu kombinieren. Für eine gute Versorgung mit essenziellen Fettsäuren bieten sich vor allem an:

  • Rapsöl: gutes Verhältnis von Omega-3 zu Omega-6, neutral im Geschmack
  • Walnussöl: sehr reich an pflanzlichem Omega-3, ideal für kalte Küche
  • Leinöl: Spitzenreiter bei pflanzlichem Omega-3, aber empfindlich und nur kalt verwenden

Dazu kommen fettreiche Seefische wie Lachs, Hering oder Makrele, die marine Omega-3-Fettsäuren liefern, die der Körper besonders gut nutzt. Wer sich rein pflanzlich ernährt, sollte auf ausreichend Omega-3-reiche Öle achten oder gegebenenfalls Algenölpräparate prüfen.

Wie viel Olivenöl pro Tag sinnvoll ist

Olivenöl bleibt trotz aller gesundheitlichen Vorzüge ein sehr kalorienreiches Lebensmittel. Ein Esslöffel bringt knapp 90 Kilokalorien mit. Fachgesellschaften empfehlen für gesunde Erwachsene meist ein bis zwei Esslöffel pflanzliche Öle pro Tag – verteilt über die Mahlzeiten.

Menge Kalorien (ca.)
1 Teelöffel Olivenöl 40 kcal
1 Esslöffel Olivenöl 90 kcal
2 Esslöffel Olivenöl 180 kcal

Wer bereits viel mit Käse, Wurst oder Fertigprodukten arbeitet, nimmt schnell deutlich mehr Fett auf als gedacht. In solchen Fällen lohnt sich ein Blick aufs große Ganze: Olivenöl bringt in derselben Kalorienmenge mehr gesundheitlichen Nutzen als viele andere Fette, ersetzt diese aber idealerweise – es kommt nicht on top.

Welche Olivenöl-Sorte im Supermarkt wirklich sinnvoll ist

Vor dem Regal wird es kompliziert: „nativ“, „extra nativ“, „kaltgepresst“, „raffiniert“, Mischöle – was taugt wirklich? Grundregel: Je geringer verarbeitet ein Öl ist, desto mehr sekundäre Pflanzenstoffe und Aromen bleiben erhalten.

Wer es sich leisten kann, greift am besten zu kaltgepresstem, extra nativem Olivenöl – vor allem für die kalte Küche.

Eine grobe Orientierung:

  • Extra natives Olivenöl (extra vergine): höchste Qualitätsstufe, mechanisch gewonnen, kalt gepresst oder extrahiert, intensiver Geschmack, viele Polyphenole
  • Natives Olivenöl: ebenfalls mechanisch gewonnen, aber etwas weniger streng in den Vorgaben, geschmacklich etwas milder
  • Raffiniertes Olivenöl / „Olivenöl“ ohne Zusatz: stark verarbeitet, neutraler Geschmack, weniger Antioxidantien

Wer sparen muss, kann ein gutes extra natives Öl für Dressings und zum Beträufeln verwenden und zum Braten ein preiswerteres, hitzestabileres Öl einsetzen. Noch ein Punkt: Licht, Wärme und Sauerstoff lassen Qualitätsöle schneller altern. Dunkle Flaschen, kühle Lagerung und zügiger Verbrauch schützen die wertvollen Inhaltsstoffe.

Braten, Dünsten, Frittieren: wie hitzestabil ist Olivenöl?

Immer wieder taucht die Frage auf, ob Olivenöl beim Erhitzen „giftig“ wird. Entscheidender Begriff hier: Rauchpunkt. Ab einer bestimmten Temperatur zerfallen Fettsäuren und es entstehen unerwünschte Verbindungen – je höher der Rauchpunkt, desto hitzestabiler das Öl.

Für normales Braten in der Pfanne ist Olivenöl gut geeignet – für die Fritteuse sind andere Öle die bessere Wahl.

Extra natives Olivenöl liegt mit seinem Rauchpunkt ungefähr im Bereich von 160 bis 170 Grad. Das reicht für schonendes Braten, Schmoren und Backen völlig aus. Frittieren arbeitet oft bei deutlich höheren Temperaturen, dort sind raffiniertes Sonnenblumen- oder Erdnussöl geeigneter.

Wer die gesundheitlichen Vorteile von Olivenöl maximal nutzen will, setzt es vor allem kalt ein: im Salat, über Ofengemüse geträufelt, über Pasta, in Dips oder schlicht mit etwas Brot. Die Polyphenole reagieren empfindlich auf Hitze – je niedriger die Temperatur, desto mehr bleibt davon übrig.

Praxis: so lässt sich Olivenöl clever in den Alltag einbauen

Statt kalter Theorie hier ein paar einfache Alltagsideen:

  • Butterbrot durch Vollkornbrot mit Olivenöl und Tomatenscheiben ersetzen
  • Fertigdressing weglassen, stattdessen Olivenöl, Zitronensaft, Salz und Pfeffer mischen
  • gekochte Kartoffeln oder Pasta nach dem Abgießen mit einem Schuss Olivenöl und Kräutern mischen
  • Fleisch- oder Wurstbelag einmal pro Woche durch Gemüsescheiben mit Olivenöl ersetzen

Für viele wirkt der Umstieg leichter, wenn man nicht alles auf einmal umstellt, sondern Schritt für Schritt: zunächst die Hälfte der tierischen Fette austauschen, später mehr Gemüse und Hülsenfrüchte einplanen, dazu zwei- bis dreimal pro Woche Seefisch. In diesem Rahmen kann Olivenöl seine Stärken ausspielen.

Wo die Studienlage noch Lücken hat

Trotz beeindruckender Zahlen bleiben offene Fragen. Ein Teil der Effekte könnte aus dem gesamten Ernährungsmuster stammen, nicht allein vom Öl. Die meisten Daten kommen aus Ländern mit traditionell mediterraner Küche; wie stark sich die Ergebnisse auf typisch deutsche Ernährungsgewohnheiten übertragen lassen, ist nicht vollständig geklärt.

Zudem schwanken Qualität und Zusammensetzung von Olivenölen je nach Herkunft, Erntezeitpunkt und Verarbeitung deutlich. Ein intensiv bitteres, frisch riechendes Öl kann mehr Polyphenole enthalten als ein sehr mildes. Die Feinheiten erfassen große Bevölkerungsstudien kaum, im Alltag spielen sie trotzdem eine Rolle.

Unterm Strich zeigt sich: Olivenöl ist deutlich mehr als ein modisches Lifestyle-Produkt. Wer es klug dosiert, mit anderen hochwertigen Ölen und einer insgesamt pflanzenreichen Ernährung kombiniert, macht für Herz, Gefäße und Gehirn vieles richtig – auch wenn die grüne Flasche kein medizinisches Wundermittel ersetzt.

Greta Werner

Geschrieben von Redakteurin Gesundheit

Greta Werner

Greta stieß 2022 zur Redaktion von Evergreen DE. Schwerpunkte: Medizin, Ernährung und Öffentliche Gesundheit, stets mit Verweis auf Primärquellen.

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