Lyme-Gefahr in Frankreich: In diesen Regionen lauern die meisten Zecken

Lyme-Gefahr in Frankreich: In diesen Regionen lauern die meisten Zecken

Forscher haben mehr als 2000 Zecken ausgewertet, die direkt nach einem Stich von Menschen eingeschickt wurden. Diese ungewöhnliche Studie liefert erstmals ein sehr realistisches Bild, wo in Frankreich die Lyme-Bakterien besonders häufig vorkommen – und wo das Risiko bislang unterschätzt wurde.

Warum diese Studie die Zeckenkarte von Frankreich auf den Kopf stellt

Normalerweise sammeln Wissenschaftler Zecken mit Tüchern aus der Vegetation. Das zeigt, wo die Tiere vorkommen, sagt aber wenig darüber, was genau passiert, wenn ein Mensch gestochen wird. Die jetzt ausgewertete Untersuchung verfolgt einen anderen Ansatz.

Zwischen 2017 und 2019 beteiligten sich rund 26.000 Menschen am Forschungsprogramm CiTIQUE des französischen Agrarforschungsinstituts INRAE. Wer gestochen wurde, entfernte die Zecke, packte sie in ein Röhrchen und schickte sie per Post ein. So landeten Zecken im Labor, die nachweislich gerade dabei waren, Blut zu saugen.

Die Arbeitsgruppe um den Forscher Julien Durand untersuchte 2009 dieser eingeschickten Zecken. Im Fokus stand die Frage: Welche Krankheitserreger tragen die Tiere in dem Moment in sich, in dem sie einen Menschen stechen?

Weil jede analysierte Zecke unmittelbar von einem Menschen stammte, bildet die Studie das reale Infektionsrisiko ab – nicht nur die bloße Anwesenheit von Zecken in der Natur.

Das Ergebnis: 94 Prozent der untersuchten Tiere gehörten zur Art Ixodes ricinus. Genau diese Art gilt in Europa als Hauptüberträger der Bakterien der Gattung Borrelia, die zur Lyme-Borreliose führen können.

Eine von sechs Zecken trägt Lyme-Bakterien – aber das Risiko ist regional sehr unterschiedlich

Im Schnitt trugen 15,4 Prozent der untersuchten Zecken mindestens eine Lyme-auslösende Bakterienart. Das bedeutet: Rund jede sechste Zecke war potenziell infektiös. Hinter diesem Durchschnittswert verbergen sich aber große regionale Unterschiede.

In manchen Regionen, etwa in Bourgogne-Franche-Comté im Osten Frankreichs, lag der Anteil infizierter Zecken deutlich über dem Landesdurchschnitt. Andere Gegenden wiesen wesentlich geringere Raten auf. Für Reisende aus dem deutschsprachigen Raum, die gerne in Frankreich wandern, Rad fahren oder campen, ist diese Information relevant – denn sie zeigt, wo besondere Vorsicht angezeigt ist.

Unterschiedliche Bakterienarten, unterschiedliche Beschwerden

Die Forschenden identifizierten in den Proben insgesamt 15 verschiedene Borrelia-Arten. Drei davon stehen hinter den meisten menschlichen Infektionen, je nach Region dominiert eine andere Variante:

  • In der Normandie war Borrelia garinii besonders häufig.
  • In der Region Île-de-France rund um Paris überwog Borrelia afzelii.

Diese Differenzen sind nicht nur ein Detail für Fachleute. Verschiedene Borrelia-Arten können unterschiedliche Schwerpunkte bei den Symptomen setzen – von Nervenbeteiligung über Hautveränderungen bis hin zu Gelenkentzündungen. Für Ärztinnen und Ärzte in Grenzregionen oder Urlaubsgebieten hilft es, solche Muster zu kennen, um Beschwerden besser einzuordnen.

Mehr als nur Lyme: Zecken als Paketbote für mehrere Erreger

Die Studie schaute nicht nur auf Lyme-Bakterien. Insgesamt trugen 27 Prozent der untersuchten Zecken mindestens einen Krankheitserreger – also mehr als jede vierte. Einige Tiere waren sogar mit mehreren Keimen gleichzeitig infiziert.

Solche Mehrfachinfektionen können die Diagnose in der Praxis deutlich erschweren. Wenn ein Patient nach einem Zeckenstich Symptome entwickelt, lässt sich die Ursache dann nicht immer eindeutig einer einzigen Krankheit zuordnen. Das kann Therapien verzögern oder dazu führen, dass Beschwerden falsch gedeutet werden.

Über ein Viertel der untersuchten Zecken war mit mindestens einem Erreger belastet – Lyme-Bakterien sind nur ein Teil des Problems.

Larven als unterschätztes Risiko

Eine weitere irritierende Beobachtung: Forschende fanden auch infizierte Larven, also sehr frühe Entwicklungsstadien der Zecke. Eigentlich geht die Lehrmeinung davon aus, dass Larven erst dann Krankheitserreger in sich tragen, wenn sie bereits mindestens ein Tier gestochen haben.

Die nun entdeckten infizierten Larven stellen diese Annahme in Frage. Entweder werden manche Keime bereits von der Mutterzecke an den Nachwuchs weitergegeben, oder es existieren bisher unklare Übertragungswege in sehr frühen Stadien. Für die Praxis heißt das: Selbst winzig kleine Zeckenstadien können nicht grundsätzlich als harmlos abgestempelt werden.

Wie die neuen Daten Prävention und Gesundheitsstrategien in Frankreich verändern

Die regionale Auswertung der Zeckenproben ermöglicht deutlich präzisere Risikokarten. Behörden können Warnhinweise und Informationskampagnen gezielt auf Gebiete mit hoher Belastung zuschneiden, statt das ganze Land gleich zu behandeln.

Für Ärzte in betroffenen Regionen ergeben sich zusätzliche Hinweise: Wenn klar ist, dass bestimmte Bakterienarten dort häufig vorkommen, lassen sich Beschwerden nach einem Zeckenstich schneller in die richtige Richtung lenken. Das kann über die Entscheidung für oder gegen eine Antibiotikatherapie mitentscheiden.

Zentral ist dabei die sogenannte „Tiquothèque“, eine Art nationale Zecken-Biobank des CiTIQUE-Projekts. Mit jeder neu eingeschickten Zecke wächst der Datensatz. Ziel ist eine extrem feine Karte, die das Risiko bis auf Gemeindeebene abbildet und lokale Hotspots sichtbar macht.

Bürgerforschung als Modell für die Zukunft

Der Ansatz zeigt, wie stark Bürgerforschung die klassische Epidemiologie ergänzen kann. Ohne tausende Freiwillige wäre eine derart breite Stichprobe kaum finanzierbar. Gleichzeitig lassen sich ähnliche Konzepte auch auf andere durch Tiere übertragene Erreger anwenden, etwa Mücken, die Viren transportieren.

Wenn Betroffene selbst Proben liefern, rücken Studien näher an das tatsächliche Geschehen im Alltag heran – und nicht nur an Laborbedingungen.

Was Urlauber aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wissen sollten

Wer in Frankreich wandern, joggen oder im Grünen picknicken möchte, sollte sich ähnlich schützen wie in heimischen Risikogebieten. Die neue Studie ändert nicht die grundsätzlichen Empfehlungen, macht sie aber ortsspezifischer.

  • Lange, helle Kleidung tragen, Hosen möglichst in die Socken stecken.
  • In hohem Gras und dichtem Unterholz auf markierten Wegen bleiben.
  • Nach jedem Ausflug den Körper gründlich absuchen – auch Kinder und Haustiere.
  • Zecken mit einer geeigneten Zeckenkarte oder Pinzette gerade herausziehen, nicht drehen oder quetschen.
  • Stichstelle einige Wochen beobachten und bei Rötungen oder grippeähnlichen Symptomen ärztlichen Rat einholen.

Wer in bekannte Hochrisikogebiete reist, kann sich vorab über regionale Karten zur Zeckenaktivität in Frankreich informieren. Ärztinnen und Ärzte im Heimatland sollten bei entsprechenden Angaben zur Reiseroute hellhörig werden, wenn nach dem Urlaub Beschwerden auftreten.

Hintergrund: Was genau ist Lyme-Borreliose?

Lyme-Borreliose ist eine bakterielle Infektionskrankheit, die unbehandelt verschiedene Organe angreifen kann. Typisch ist eine sich ausbreitende Rötung um die Einstichstelle, die Wochen nach dem Stich auftreten kann. Manche Betroffene bemerken diese Rötung aber nicht oder sie bleibt aus.

Unbehandelt können Gelenkschmerzen, Nervenstörungen oder Herzprobleme folgen. Früh erkannt lässt sich Lyme-Borreliose in vielen Fällen gut mit Antibiotika behandeln. Die Vielfalt der beteiligten Borrelia-Arten und die Häufigkeit von Mehrfachinfektionen zeigen, wie komplex das Krankheitsbild in der Realität ist.

Aspekt Relevanz der neuen Daten
Regionale Unterschiede Gezieltere Warnungen und bessere Beratung für Reisende
Verschiedene Bakterienarten Genauere Einschätzung möglicher Symptome
Mehrfachinfektionen Erklärungsansatz für atypische Verläufe nach Zeckenstichen
Infizierte Larven Überprüfung bisheriger Lehrmeinungen zu Risikostadien nötig

Die aktuelle Auswertung liefert damit nicht nur eine neue Zeckenkarte für Frankreich, sondern stellt ganze Annahmen zur Rolle verschiedener Zeckenstadien und zur regionalen Verteilung wichtiger Erreger infrage. Für Menschen, die häufig in der Natur unterwegs sind – ob im Schwarzwald, in den Alpen oder auf französischen Wanderwegen – bleibt die wichtigste Botschaft: Zeckenschutz ernst nehmen, Stiche dokumentieren und bei Auffälligkeiten frühzeitig medizinische Hilfe suchen.

Paul Sommer

Geschrieben von Redakteur Wissenschaft & Natur

Paul Sommer

Seit 2015 verantwortet Paul bei Evergreen DE die Themenfelder Wissenschaft, Natur und Umwelt. Klarer, fakten­basierter Schreibstil.

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